Bereits zum 4. Juli 2026 fand sich im Forum des ExifCafés die Information zur Werkschau ‚Berührungen‘ der Fotogruppe augenblick mit der terminierten Vernissage am Sonntag, den 6. September 2026, um 11:00 Uhr in der Alten Lederfabrik in Halle/Westfalen.
Sehr gerne haben wir uns an den Besuch der ‚Fotografischen Werkschau‘ der Fotogruppe augenblick im Februar 2024 erinnert, die im Bürgerzentrum, Galerie der Remise in Halle stattfand. Dabei zeigten elf Mitglieder der Fotogruppe über ca. 40 Fotografien eine vielfältige Auswahl ihrer Arbeiten zu den Genres Natur, Architektur und Abstraktion. Während unseres Ausstellungsbesuchs hatten wir uns sehr gut mit den beteiligten Fotografen unterhalten und dauerhafte Kontakte geschlossen. Zwischenzeitlich haben Mitglieder der Fotogruppe augenblick auch Fotoausstellungen unserer ExifCafé Photocommunity besucht. Es ist immer wieder schön, sich zu begegnen und über fotografische Themen auszutauschen.
Aus der Alten Lederfabrik Wilhelm Güttgemanns – Leder- und Treibriemenfabrik ist nach dem Ende der Lederproduktion im Jahr 1993 ein lebendiges Zentrum für Kunst, Kultur, Handwerk und kreative Bildung entstanden, in dem sich Vergangenheit und Zukunft inspirierend verbinden. Die Straßenansicht des imposanten Gebäudes aus roten Steinen und dem großen Firmenschriftzug zeigt nur einen Teil der ehemaligen Lederfabrik. Auf ca. 9.000 Quadratmetern haben sich rund 50 Mieter, von Künstlern und Kunsthandwerkern, über Händler und kulturelle Initiativen zusammengefunden. Mit der Städtischen Galerie Halle ist auch die Stadt Halle dabei. Mit zwei Räumen, in übereinander liegenden Etagen, die auch heute noch an die Vergangenheit der ehemaligen Lederfabrik erinnern, werden regionalen und überregionalen Künstlern Ausstellungsflächen für wechselnde Ausstellungen geboten.
Die Fotogruppe augenblick, die ihren Ursprung in der VHS Ravensberg fand, blickt in diesem Jahr auf ihr 45jähriges Bestehen zurück, während die VHS Ravensberg gleichzeitig ihr 50jähriges Jubiläum feiert. Eine Verbindung, die seit der Gründung der Fotogruppe, die sich als offenes Forum für ambitionierte Amateurfotografen mit Willen zur fotografischen Weiterentwicklung sieht, fester Bestandteil der VHS Ravensberg ist. Gegründet wurde die Fotogruppe augenblick 1981 von Paul-Gerhard Haselhorst, der viele Jahre als Dozent an der VHS Ravensberg arbeitete, langjähriger Leiter der Fotogruppe war und auch noch heute aktives Mitglied ist.
Seit dem Jahr 2024 wird die Fotogruppe augenblick von Dr. Hans-Christian Raths geleitet. Für eine Werkschau zum Jubiläum 50 Jahre VHS Ravensberg hat sich die Fotogruppe augenblick vor ca. 18 Monaten für einen konzeptionellen Ansatz entschieden und gemeinsam das Thema ‚Berührungen‘ gewählt. Den Fotografen wurde die Interpretation des Themas freigestellt, einzige Bedingung war die aktuelle Erstellung der Aufnahmen, nichts aus dem Archiv.
Natürlich waren wir gespannt, welche Ansichten die Augenblick-Fotografen zum Thema ‚Berührungen‘ zeigen, daher waren mehrere User des ExifCafés am Sonntag, den 6. September 2026, rechtzeitig zur Vernissage in der Alten Lederfabrik in Halle. Alle Ausstellungsbesucher wurden sehr freundlich empfangen, für einen angenehmen Ausstellungsbesuch standen Getränke und Gebäck bereit. Mit stimmungsvoller Live-Musik, schönem, ruhigen Jazz wurde die Ausstellung vom saxophonspielenden Harald Bellmann begleitet.
Zur Ausstellungseröffnung waren Ansprachen von Stefan Kuntze, Leiter der VHS Ravensberg, Axel Reimers, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Halle/Westfalen und Dr. Hans-Christian Raths, Leiter der Fotogruppe augenblick, angekündigt. Nach der Begrüßung der anwesenden Ausstellungsbesucher und Redner übergab Hans-Christian Raths das Mikrofon an den Leiter der VHS Ravensberg, Stefan Kuntze.
Stefan Kuntze dankte der Stadt Halle für die Unterstützung und allen, die an der Realisierung der Ausstellung mitgearbeitet haben. Sein Dank galt auch der Fotogruppe augenblick, die mit 45jähriger Zugehörigkeit zur VHS Ravensberg auch eine verlässliche Institution bei der Begleitung von Veranstaltungen der VHS sind, unter anderem mit der bildlichen Dokumentation der großen Veranstaltung zum 50jährigen Jubiläum der VHS Ravensberg auf hohem Niveau. Hervorgehoben wurden von ihm die Bereicherung des Bildungsangebotes der VHS und die überregionale Anerkennung der Arbeiten der Fotogruppe augenblick. Der Ausstellung ‚Berührungen‘ zollte er Lob mit seinem Eindruck von vielseitiger Darstellung des Themas auf hohem Niveau. Seine uneingeschränkte Zustimmung zur Fotogruppe augenblick bekräftigte er mit der Ankündigung, sich als neues Mitglied der Fotogruppe anzuschließen.
Axel Reimers, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Halle, sprach die Bedeutung der Städtischen Galerie in der Alten Lederfabrik an, die Künstler und Ausstellungen in die Öffentlichkeit bringt. Dass große Kunst nicht nur in bekannten Museen, sonder auch in der Stadt Halle gezeigt werden kann. Sein Dank bezog sich auf die gute und erfolgreiche 45jährige Zusammenarbeit von VHS Ravensberg und Fotogruppe augenblick für gemeinsames Sehen, Lernen, Ausprobieren und Diskutieren, weil es auch keine Selbstverständlichkeit ist, eine Fotogruppe über 45 Jahre am Leben zu erhalten.
Zum Thema ‚Berührungen‘ nannte er als Beispiel das berühmte Bild in der Sixtinischen Kapelle ‚Die Erschaffung Adams‘ von Michelangelo. Das berühmte Deckenfresko zeigt, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger dem noch leblosen Adam das Leben einhaucht. Die sich fast berührenden Fingerspitzen gelten als eine der berühmtesten Ikonen der Kunstgeschichte. Zwei Hände begegnen sich, aber die Finger berühren sich nicht. Und gerade der geringe Abstand der Finger macht diese Szene so eindringlich. Fotografie zeigt nicht nur das, was ist, sondern lässt erahnen, was sein könnte, was geschieht oder gleich passieren könnte. Ein Bild kann eine Geschichte in uns auslösen, die auf dem Foto gar nicht zu sehen ist. Auch die Ausstellung ‚Berührungen‘ ist ein gemeinsames Werk mit unterschiedlichen Perspektiven und individuellen Wahrnehmungen der Betrachter. Er gab den Ausstellungsbesuchern den Rat, sich zur Betrachtung der Bilder Zeit zu nehmen, sich zu fragen, was sehe ich, was löst das Bild in mir aus, berührt es mich? Ein Bild wird erst vollständig mit der Begegnung mit betrachtenden Menschen. Er wünschte der Fotogruppe eine erfolgreiche und inspirierende Ausstellung, viele interessierte Besucher und gute Gespräche.
Zum Abschluss sprach Hans-Christian Raths, Leiter der Fotogruppe augenblick. Er richtete seinen Dank an die VHS Ravensberg, Stefan Kuntze und sein Team, an die Stadt Halle für die Raumnutzung in der Alten Lederfabrik und den großzügigen Zuschuss im Rahmen der Kulturförderung für die Ausrichtung der Ausstellung, Bilddruck und Catering.
45 Jahre Fotogruppe augenblick – er fragte sich, wie er vor 50 Jahren fotografiert hatte und stellte dazu eine alte Canon-Kamera auf den Tisch, die zwar automatisch belichten konnte, aber noch keinen Autofokus und pro eingelegten Film nur 36 Aufnahmen hatte. Kein Vergleich zu unserer aktuellen Zeit, in der auch mit dem Smartphone fotografiert werden kann. Ohne Entwicklungskosten, die Bilder sind direkt nach der Aufnahme sichtbar und können kostenlos auf Social Media gepostet werden. Dort gibt es im besten Fall ein schnelles ‚rotes Herzchen‘, falls sich einer der Betrachter beim Durchscrollen Zeit dafür nimmt. In einer Fotogruppe eigene Fotos zu besprechen, ist anders. Bei einer Bildbesprechung mit fotografisch Interessierten, fachlichem Austausch, konstruktiver Kritik oder auch Zustimmung ist fotografische Weiterentwicklung verbunden.
In der aktuellen Werkschau werden keine Best of-Bilder der Augenblick-Fotografen gezeigt, sondern visualisierte Gedanken zum Thema ‚Berührungen‘. Mit der Herangehensweise zur Konzeptfotografie und dem Thema ‚Berührungen‘ haben sich einige Fotografen schwergetan. Viele der ausgestellten Bilder wurden von den Fotografen inszeniert, um die erdachten Bildergebnisse zu realisieren. Jeder Bildserie wurde ein kleines Exposé beigefügt, mit dem der betreffende Fotograf mit Worten erklärend versucht, was er zeigen und sagen möchte. Fragen könnten jedoch auch direkt an die Fotografen gestellt werden, von denen die meisten in der Ausstellung zugegen wären. Ohne vorab zu viel über die ausgestellten Bilder zu verraten, wollte H.-C. Raths jedoch mitteilen, was die Bilder mit dem Betrachter tun könnten: Sie können bei der Arbeit im Büro ablenken, sie können den Betrachter eiskalt erwischen, sie können etwas Unsichtbares zeigen, sie können Sie in einen virtuellen Punch (Rausch) versetzen, sie können über ihre Umwelt nachdenken lassen, an der Flut der Bilder verzweifeln lassen, flüchtige Momente zeigen, sie können Hörbares sichtbar machen, sie können einen Impuls geben.
Hans-Christian Raths schloss seine Ansprache mit der Bitte an die Ausstellungsbesucher: „Lassen Sie sich von den Bildern berühren, aber berühren Sie sie nicht!“ (weil die ausgestellten Bilder glaslos gerahmt und dadurch schutzlos sind.) Damit war die Ausstellung ‚Berührungen‘ eröffnet.
Die Ausstellungsräume haben einseitig hohe Fenster, die für Tageslichtbeleuchtung sorgen, an innenliegenden Wänden sind Leuchten über den Bildern angebracht. Gezeigt werden in der Werkschau ca. 50 Bilder von 10 Fotografen der Fotogruppe: Hildegard Krüger, Dirk Bories, Heinrich Lorey, Heinz-Jürgen Krüger, Jörg-Dieter Suhr, Markus Fölling, Markus Klare, Udo Obst, Hans-Christian Raths und Paul-Gerhard Haselhorst. Mit eigenen Gedanken und kreativen Ansätzen haben die Fotografen das gestellte Thema mit ihrem individuellen Stil fotografisch interpretiert und dazu Bildserien erstellt, von denen einige der ausgestellten Arbeiten über die Darstellung rein physischer Berührungen hinaus auch überraschende Ergebnisse zeigen. Die Bilder präsentieren sich in unterschiedlichen Formaten und Ausführungen, zu bildlichen Inhalten sind Informationen der jeweiligen Fotografen neben den Bilderserien angebracht.
Schon aufgrund des freien, ungewöhnlichen Hochformat-Bildzuschnitts fiel ein Foto von Markus Fölling auf. Im Großformat, in Schwarz/Weiß gehalten, ist es ca. dreimal so hoch wie breit. Es zeigt einen Mann, der auf Zehenspitzen vor einer hohen Mauer steht und mit einer Farbsprühdose in erreichbarer Höhe ein Graffiti bearbeitet. Der Sprayer selbst ist an Armen und Hals stark tätowiert, ein überzeugter Zeitgenosse für bildliche Darstellungen. Aber wo bitte ist die Verbindung zu Berührungen? Markus Fölling gibt auf dem nebenstehenden Exposé die Antwort: „Farbe berührt die Wand. Licht berührt die Farbe. Der Sprayer hinterlässt Spuren auf einer Wand im urbanen Raum. Eine Berührung bleibt sichtbar – und vielleicht auch etwas, dass den Betrachter berührt.“
Die Bildserie von Udo Obst zeigt vom Eröffnungsanstoß auseinander rollende Billardkugeln, ein Newton-Pendel im Schwung, unterschiedlich große Öltropfen im Wasser, die sich alle berühren und eine Szene vom Boule-Spiel, bei dem eine geworfene Kugel auf bereits der Zielkugel naheliegenden anderen Spielkugeln auftrifft. Alle vier Bilder erklären sich selbst zum Thema, aber der Fotograf zieht in seiner Erläuterung noch einen Vergleich: „Die Bilder stellen physische Berührungen in verschiedenen Erscheinungsformen dar, die aber auch metaphorisch für gesellschaftliches Verhalten gelesen werden können. In der flüchtigen Spur der Bewegung – ausgelöst durch den starken Impuls, der beim unausweichlichen Aufeinanderprallen in einem Punkt der kugelförmigen Körper durch diese hindurchwandert und die Energie auf den nächsten überträgt. In der Ansammlung winziger Partikel an ihren Grenzen. Dort, wo Nähe Verbindung schafft, ohne die eigene Form zu verlieren und sie sich aneinander zu schmiegen scheinen.“
Um bildliche Darstellung sich ständig verändernder Schneeverwehungen geht es in der in schwarz/weiß gehaltenen Bildserie von Hans-Christian Raths: „Die hier gezeigten Formen entstehen im Zusammenspiel von Wind, Schnee und Licht. Das letzte Sonnenlicht macht diese Spuren sichtbar und hebt sie durch starke Kontraste und die dadurch entstehende Tiefenwirkung hervor. Die Fotografien zeigen unterschiedliche Momente desselben Prozesses: Variationen einer Bewegung, die nie stillsteht. Jede Aufnahme ist ein Ausschnitt, ein Atemzug, ein kurzer Halt in einem fortlaufenden Dialog der Elemente. Im Spiel von Licht und Dunkel wird jede Kontur zur Erinnerung an eine Berührung.“
Paul-Gerhard Haselhorst zeigt drei großformatige Bilder von bespielten Instrumenten vor jeweils schwarzem Hintergrund. Starke Bilder, in schwarz/weißer Ausführung auf das Wesentliche reduziert, mit verlängerten Belichtungszeiten aufgenommen, die die Bewegungen der Musiker erkennen lassen: Drum und bewegte Hände, die sanft streichende Jazzbesen über das Schlagfell der Drum führen. Beim Betrachten des Bildes kann man fast den weichen, fließenden Klang hören, den die einzelnen, sichtbaren Drähte der Jazzbesen auf der Drum erzeugen. Ein Saxophon, bei dem Lichtreflexspuren des metallenen Instruments die Bewegung durch den Musiker zeichnen. Bewegtes Saxophon, bewegte Hände und emotional ausgelöste Lichtspuren. Bewegte Hände eines Pianisten auf einer weißen Klaviatur. Weil der Pianist schwarze Kleidung trägt, sind seine Hände nur bis zum Handgelenk sichtbar. Hände und Klaviatur – sonst nichts! Dazu passt auch die textliche Begleitung zur Bildserie: „Kaum vernehmbares Scharren der Besen – Virtuoses Bespielen der Klappen – Sanftes Anschlagen der Tasten – Schwingungen durchdringen den Raum. Musik berührt das Innerste. Photographische Interpretation der Jazzballade ‚Body and Soul‘ (John W. Green, 1930)“
Mehr über die ausgestellten Bilder möchte auch ich an dieser Stelle nicht beschreiben, weil Worte nicht die eigene Ansicht dieser Ausstellung ersetzen können. Auch alle anderen, hier nicht näher genannten Bildserien sind außergewöhnlich und sehenswert.
Die Werkschau ‚Berührungen‘ hat uns sehr gut gefallen, sie zeigt mit ausgefallenen Ideen und angewandter Kreativität beeindruckende und auch überraschende Bilder, die über fotografische Umsetzung auch professionellen Ansprüchen gerecht werden. Gestaltung und Ausführung der Werkschau in den Räumen in der Alten Lederfabrik sind sehr gut gelungen. Damit haben sich die Fotografen erneut Anerkennung und Wertschätzung verdient!
Wer sich diese sehenswerte Fotoausstellung anschauen möchte, hat dazu Gelegenheit bis zum 04.10.2026 in der Städtischen Galerie / Alte Lederfabrik in 33790 Halle, Alleestraße 64, während der Öffnungszeiten Samstag und Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr. Am 23.09.2026 bietet die Fotogruppe zusätzlich eine Führung durch die Ausstellung von 18:00 bis 20:00 Uhr an. Der Eintritt ist für alle Besucher kostenfrei, die Fotografen der Fotogruppe augenblick freuen sich auf Ihren Besuch!



