Die Information in unserem Forum zu einer Fotoausstellung der Fotogruppe ‚Die Serientäter‘ erhielt spontane Aufmerksamkeit, allein schon durch den außergewöhnlichen Namen der Herforder Gruppe. Über den in unserem Forum zugefügten Link, der zum Webauftritt der Serientäter über Adobe myportfolio führte, waren über die Fotografen, außer ihren Vornamen, keine weiteren Angaben zu lesen. Das steigerte unsere Neugier und Erwartungen und daher machte sich eine Sonderkommission des ExifCafés am Samstag, den 1. August 2026, zur Ermittlung dieser unübersichtlichen Lage auf den Weg zur Ausstellung nach Herford zum Elsbach Haus auf. Für diesen Termin hatten ‚Die Serientäter‘ ihre geschlossene Anwesenheit im Elsbach Haus bekannt gegeben.
Das Elsbach Haus ist ein fünfgeschossiges Büro- und Einkaufszentrum in einem ehemaligen Fabrikgebäude, das sich gegenüber dem Museum MARTa befindet und seit 1990 unter Denkmalschutz steht. Die Fotoausstellung der Serientäter wurde im großzügigen, ebenerdigen Eingangsbereich kuratiert. Ergänzend zu dieser Ausstellungsfläche sind auch noch einige großformatige Bilder zum Thema „Herford – damals und heute“ im Foyer des nahegelegenen IntercityHotels platziert.
Über die ‚Wir über uns‘-Angaben auf der Adobe Portfolio-Webseite wussten wir, dass die Fotogruppe ‚Die Serientäter‘ lediglich aus jeweils zwei Fotografinnen und Fotografen besteht: Anja, Nicola, Jörg und Rüdiger. Neben dem außergewöhnlichen Gruppennamen ist auch das Interesse, bzw. die jeweilige Arbeitsweise besonders. Ihnen geht es nicht um die Erstellung eines perfekten Einzelbildes, sondern um Bildserien, die Geschichten durch visuelle Zusammenhänge erzählen, Strukturen sichtbar machen und den Blick auf scheinbar Alltägliches verändern.
Kennenlernt hatten sich die vier Serientäter 2017 bei einem VHS-Fotokurs der ‚Fotofreunde Herford‘. Im Verlauf der Zeit formten die gemeinsamen Interessen eine kreative Gemeinschaft mit besonderem Konzept. Seit 2023 treffen sie sich regelmäßig einmal im Monat, um sich gegenseitig fotografische Aufgaben zu stellen, neue Ideen zu entwickeln und natürlich auch gemeinsame und individuell erstellte Bildserien zu diskutieren.
Ihre Interessen umfassen vielfältige Themen und Motive, zu denen auch das Experimentieren und Entdecken zählen. Darum gehören auch Fotoexkursionen, Städtetouren und Ausstellungsbesuche zu ihrer Gruppenarbeit und aus Motiven mit Strukturen, Farben, Bewegung oder Emotionen, wie Freude, Hoffnung oder Trauer entstehen Bildserien, die Geschichten erzählen.
Nach fast drei Jahren ihrer Zusammenarbeit haben sich ‚Die Serientäter‘ jetzt mit ihrer ersten Fotoausstellung zum Schritt in die Öffentlichkeit entschieden und laden Interessierte zur Betrachtung ihrer Bildserien ein, die oftmals auch Überraschungen enthalten. Gezeigt werden an den Ausstellungsorten Elsbach Haus 35 Exponate (teilweise sind Bildserien auch in einem großformatigen Rahmen zusammengefügt), in unterschiedlichen Formaten, weitestgehend in schwarzen Rahmen und hinter Glas. Im Foyer des IntercityHotels werden 6 großformatige Bilder zum Thema ‚Herford – damals und heute‘ präsentiert. Bei unserem Eintreffen im Elsbach Haus wurden wir sehr freundlich empfangen und sofort waren wir beim Betrachten der ersten Bildserie mit den Serientätern im Gespräch.
Die Bildserie ‚Lichtbrechung‘ ist über die erste, einfache Bildansicht nicht sofort nachzuvollziehen. Niemand kann dazu besser Licht ins Dunkel bringen, als der Fotograf Rüdiger selbst, der uns nachstehende Erläuterungen dazu mitteilte: „Die Serie untersucht, wie Glas, Spiegelung und gerichtetes Licht eine scheinbar einfache Raumsituation verändern. Die kleinen transparenten Glasobjekte stehen jeweils an der Grenze zwischen tiefem Schwarz und hellem, bläulichem Weiß. Dadurch wirken sie nicht wie Gegenstände, sondern wie optische Eingriffe in den Bildraum. In allen vier Bildern entsteht dieselbe Grundspannung: Eine harte, fast architektonische Teilung trennt Dunkelheit und Licht. Das Glasobjekt vermittelt zwischen beiden Bereichen, bricht die Linien, vervielfacht Flächen und erzeugt neue geometrische Formen. Licht wird dabei nicht nur sichtbar gemacht, sondern erhält eine eigene, körperliche Präsenz. Die Serie lebt von Reduktion, Präzision und Wiederholung. Jedes Bild variiert dieselbe Versuchsanordnung: einmal mit prismatischer Mehrfachbrechung, einmal mit einer kugelartigen Linse, einmal als kompakte kristalline Form, einmal als fast verschwindender, optischer Impuls am Rand. So entsteht eine Bildfolge, die zwischen Stillleben, abstrakter Fotografie und experimenteller Lichtstudie liegt.“
Und auch bei der zweiten Bildbetrachtung, einer Serie von Jörg, wurde es nicht weniger anspruchsvoll, zu der uns der Fotograf wie nachstehend informierte: „Inspiriert von den fotografischen Konzepten der Künstlerin Barbara Probst beschäftigt sich die Arbeit ‚Skater‘ mit der Frage, wie Fotografie Bewegung, Raum und Wahrnehmung beeinflusst. Die Bildkomposition zeigt zwei verschiedene Skateboard-Tricks. Jeder Trick wurde zeitgleich aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln fotografiert und anschließend zu einer gemeinsamen Arbeit zusammengeführt. Innerhalb jeder Reihe dokumentieren die beiden Aufnahmen denselben Moment aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei wird sichtbar, wie stark sich die Wahrnehmung einer Szene durch den Standort der Kamera verändert. Während eine Aufnahme die Höhe des Sprungs betont, lenkt eine andere den Blick auf die Flugbahn des Skateboards, die Körpersprache des Fahrers oder die Beziehung zwischen Sportler und Umgebung. Die Arbeit zeigt, dass Fotografie nicht nur einen Augenblick festhält, sondern diesen auch interpretiert. Jeder Bildausschnitt setzt eigene Schwerpunkte und erzeugt eine eigene Wirklichkeit. Erst durch die Gegenüberstellung mehrerer Perspektiven entsteht ein umfassenderes Bild des Geschehens.“
Diese beiden ersten Serienbetrachtungen und Erläuterungen der Fotografen belegten bereits die Intensität der kreativen, fotografischen Herausforderungen im Zusammenhang mit den in der Bildserie erkennbaren Veränderungen. Wir waren nicht nur überrascht, sondern auch gespannt, welche anspruchsvollen Level die Ausstellung noch zeigen würde.
Nicolas Bildserie ‚Werre – Morgenlicht‘ sind Landschaftsaufnahmen unter Einbezug des Flusslaufs der Werre, die bei jedem Betrachter auf den ersten Blick Emotionen auslösen. Ihre Aufnahmen sind im ersten Morgenlicht zum Winteranfang entstanden. Sehr gelungene Bildgestaltung, fantastische Lichtstimmungen und Farben zeichnen ihre Bildserie aus. Ihre eigenen Worte dazu: „Wenn die Nacht langsam dem Tag weicht, verwandelt der Frost die vertraute Landschaft in eine stille Bühne aus Licht und Nebel. Jeder Morgen ist anders – mal dramatisch, mal sanft, mal fast unwirklich. Doch für wenige Minuten scheint die Zeit stillzustehen. Während der Corona-Zeit entdeckte ich die Werre neu. Sie wurde zu einem Ort der Ruhe – einem Zufluchtsort, an dem ich abschalten und ganz in die Fotografie eintauchen konnte. Besonders die frühen Wintermorgen hatten ihren ganz eigenen Zauber. Wenn der Tag langsam erwacht, die ersten Sonnenstrahlen den Raureif zum Leuchten bringen und sich mit etwas Glück feiner Nebel über das Wasser legt, entstehen Augenblicke voller Licht, Stille und Atmosphäre – Momente, die oft nur wenige Minuten dauern und genauso schnell wieder vergehen. Diese Bilder sind aus genau diesen Momenten entstanden. Sie erzählen nicht nur von der Schönheit eines Wintermorgens an der Werre, sondern auch davon, wie ein vertrauter Ort zu einem Stück Heimat werden kann – und dass die schönsten Motive manchmal direkt vor unserer Haustür liegen.“
Anja hat für ihre Fotoserie ‚La Serenissima‘ den bekannten Spruch ‚leben, wo andere Urlaub machen‘ einmal anders formuliert mit ‚arbeiten, wo andere Urlaub machen‘. Die von ihr fotografierten Szenen zeigen alltägliche Situationen arbeitender Menschen in Venedig: „La Serenissima – wie Venedig auch genannt wird – mit Kanälen, engen Gassen und der wunderbaren Architektur, ist wohl jedem bekannt und zieht jedes Jahr viele Touristen an. Viele von ihnen sind nur einen Tag in der Lagunenstadt und haben daher nur Zeit für die bekanntesten Hotspots. Neben den vielen Touristen gibt es in Venedig auch Menschen, die hinter den Kulissen für die Aufrechterhaltung des Betriebs sorgen, die zumeist nicht bemerkt werden und im Strudel der Massen unterzugehen drohen. Sie alle haben den Urlaubern etwas voraus: Sie arbeiten in dieser atemberaubenden Stadt und erleben sie nicht nur kurz auf der Durchreise. Ob sie dort auch leben ist fraglich, denn die Zahl der Ferienwohnungen übersteigt die Zahl der Wohnungen, die von Venezianern bewohnt werden und auch in Venedig ist Gentrifizierung kein Fremdwort: Die Mieten steigen auf Grund der Nachfrage – auch von Ausländern – und sind für Einheimische meist nicht bezahlbar, so dass sie ins Umland ausweichen müssen. In dieser Stadt lauert hinter jeder Ecke, in jedem Winkel das nächste Fotomotiv, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch diese, für mich schönste Stadt der Welt geht und sich auf sie einlässt. Das bedeutet auch, hinter die Kulissen zu schauen, sich für die Menschen, die dort leben und arbeiten, zu interessieren. Bei der Anreise mit dem Zug endet die Reise am Bahnhof ‚Santa Lucia‘, direkt am Canal Grande. Man verlässt den Zug und taucht ein in eine andere Welt….“
Ausnehmend gut gefallen haben mir auch die sehenswerten Fotoarbeiten, die Rüdiger und Jörg erstellt haben. Rüdiger hatte die Idee dazu bereits seit langer Zeit auf dem Zettel. Mit dem Projekt ‚Herford – damals und heute‘ haben er und Jörg die Umsetzung bemerkenswert erfolgreich abgeschlossen. Die Grundlage der Idee sind historische Postkartenmotive von bekannten Teilansichten der Stadt Herford. Mit äußerster Akribie wurden die ehemaligen Kamera-Standorte zur Aufnahme der historischen Ansichten ermittelt, um perspektivisch deckungsgleiche Aufnahmen der identischen, aktuellen Stadtansichten zu den historischen Aufnahmen anzufertigen. Dazu waren vielfältige Versuche mit verschiedenen Objektiven und Brennweiten erforderlich und anschließend umfangreiche digitale Anpassungsarbeiten der erstellten Fotodateien. Dabei entstanden übereinandergelegte Ansichten der digital reproduzierten historischen Stadtansichten mit neu erstellten aktuellen Stadtansichten in einem Bild, die viele Veränderungen deutlich erkennen lassen.
Die Motivation zur Bildserie ‚Herford – damals und heute‘ schildern die Fotografen Rüdiger und Jörg selbst wie nachstehend: „Die Serie verbindet historische Ansichten Herfords mit heutigen Fotografien derselben oder verwandter Standorte. Durch die Überlagerung entsteht kein reiner Vorher-Nachher-Vergleich, sondern ein fotografischer Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Alte Fassaden, Straßenzüge, Figuren und Schriftzüge bleiben als schwarze, grafische Spuren sichtbar, während die heutige Stadt farbig und real im Hintergrund weiterlebt. Die Bilder zeigen, wie stark sich Herford verändert hat – und zugleich, wie viel im Stadtbild noch erkennbar ist. Fachwerk, Gründerzeitfassaden, Plätze, Brücken und Straßenzüge bilden Ankerpunkte der Erinnerung. Die historische Ebene wirkt stellenweise wie eine Zeichnung, ein Schatten oder eine Erinnerungsschicht, die sich über das aktuelle Stadtbild legt. Dadurch entsteht eine besondere Spannung: Die Stadt erscheint gleichzeitig vertraut und fremd, dokumentarisch und künstlerisch verfremdet.“
Diese eindrucksvollen Arbeiten haben es verdient, in einer ansprechenden Größe gezeigt zu werden. Die Bildergebnisse wurden im Maß von 75×112 cm auf Folie gedruckt und auf Trägermaterial aufgezogen. Sechs dieser besonderen Bilder zieren aktuell das Foyer des IntercityHotels. Eigentlich sollte das IntercityHotel darauf bestehen, dass diese Bilder permanent im Foyer gezeigt werden. Die Einzigartigkeit der Bilder in Ausführung und Motiven (Gehrenberg, Höckerstraße mit Linnenbauer, Neuer Markt / Heuerampel, Clarenstraße, Radewigerbrücke, Lübber Tor) integrieren sich fantastisch gut in die Ausstattung der Foyerräumlichkeiten des IntercityHotels und steigern die Standortidentität ungemein.
Mit nur einigen der vorstehenden Bildbeschreibungen möchte ich auf die inhaltlichen Besonderheiten dieser Ausstellung aufmerksam machen. Es gibt noch viele weitere interessante Inhalte und Details in den Bildserien der Serientäter zu entdecken, die vor Ort erkundet werden können. Diese Fotoausstellung bietet eine besondere Art der Wahrnehmung, die sich dem Betrachter beim Blick auf Details und dem Überblick der jeweiligen Serie erschließt. Den Bildern zugeordnet ist ein QR-Code, der nach dem Scannen mit dem Handy Hinweise zur jeweiligen Motivansicht zeigt. Übrigens: Niemand muss Bedenken haben, einem der Serientäter zu begegnen – im Gegenteil, Anja, Nicola, Jörg und Rüdiger sind sehr freundlich und aufgeschlossen und öffnen ratsuchenden Betrachtern mit ihren Erläuterungen zu den Bildserien auch gerne zum Verständnis einmal den Blickwinkel.
Die Fotoausstellung ist im Elsbach Haus, Goebenstraße 3 – 7 und im Foyer des naheliegenden IntercityHotels, Luisenstraße 6 in 32052 Herford noch bis zum 31. Oktober 2026 von Montag bis Freitag von 10.00 und 19.00 Uhr und am Samstag von 10.00 bis 18.00 Uhr zugänglich. Die Fotografinnen und Fotografen freuen sich über jeden interessierten Ausstellungsbesucher!
Sehr wahrscheinlich werden ‚Die Serientäter‘ auch zukünftig wieder kreativ rückfällig, zumal sie auch bereits zugegeben haben, dass schon neue Planungen bestehen. Und vielleicht wird es ja auch nicht die letzte Fotoausstellung der Serientäter sein…
Aus lieber Gewohnheit haben wir uns nach dem Ausstellungsbesuch bei bestem sommerlichen Wetter im Außenbereich des Marta-Cafés im MARTa-Museum zusammengesetzt und uns über die interessante Ausstellung, fotografische Themen und Gott und die Welt unterhalten. Wieder einmal war es ein sehr gelungener Samstagnachmittag, den man nicht besser hätte gestalten können!


