Seit Jahresbeginn ist die World Press Photo 2025 in Oldenburg bereits die siebte Photoausstellung, die im Kalender des ExifCafés für den Besuch am Samstag, den 28. Februar2026, im Landesmuseum Kunst und Kultur im Oldenburger Schloss geplant ist. Kurz nach 9.00 Uhr sind wir schon auf der A33, werden bei Bramsche durch einen Stau vor einer Baustelle ausgebremst, sind aber dennoch pünktlich am Eingang zum Oldenburger Schloss und treffen dort unsere Fotofreunde aus dem Norden. Dieses Mal sind sogar noch mehrere User der ehemaligen Fotogruppe von Inge und Sven dabei, dementsprechend groß ist die Wiedersehensfreude.
Ich gebe es zu: Die jährliche Ausstellung der World Press Photo gehört nicht gerade zu meinen bevorzugten Ausstellungsthemen, aber dennoch zieht es mich jedes Jahr wieder in die Ausstellung, in der engagierte Pressefotografen weltweit die Auswirkungen durch Krisen, Kriege und politische Umbrüche, Terror, Rassismus und Folgen der Klimakrise visualisieren, begleitet von Angst, Zerstörung und Tod. Der Ausstellungsbesuch ist in jedem Jahr eher bedrückend, die Stimmung in den Ausstellungsräumen sehr zurückhaltend, gesprochen wird nur im Flüsterton. Niemand lächelt, viele der Besucher sind in den beigefügten Texten der Bilder vertieft und schütteln mitunter schweigend den Kopf beim Betrachten der oftmals schonungslosen Bilder. Es ist nur schwer zu verstehen und zu ertragen, in welcher Vielzahl sich die menschengemachten Probleme zeigen und wie unsäglich die Menschen, besonders die Ärmsten der Armen, darunter leiden. Nur manchmal keimt auch etwas Hoffnung durch Widerstandskraft und Solidarität in Momenten auf, in denen Menschen trotz aller widriger Umstände Zusammenhalt und Zuversicht zeigen.
Der World Press Photo-Contest wurde erstmalig im Jahr 1955 von der ‚Niederländischen Vereinigung der Fotoreporter‘ veranstaltet und hat sich zwischenzeitlich zu einem der weltweit bekanntesten und wichtigsten Wettbewerbe entwickelt, über den die prägnantesten, informativsten und inspirierendsten Beispiele des Fotojournalismus und visuellen Geschichtenerzählens aus aller Welt ausgezeichnet werden. In der aktuellen World Press Photo 2025-Exhibition in Oldenburg werden ca. 150 Fotografien von insgesamt 59.320 Bildern gezeigt, die von 3.778 Teilnehmern aus 141 Ländern zum Wettbewerb aus sechs Weltregionen eingereicht wurden: Afrika/Asien, Pazifik und Ozeanien, Europa, Nord- und Mittelamerika, Südamerika, West-, Zentral- und Südasien. Von regionalen, unabhängigen Jurys wurden die besten Fotobeiträge für die drei Kategorien Einzelfoto, Fotoserie und Langzeitprojekt ausgewählt. Sie zeigen den Blick auf das Weltgeschehen, aber auch auf Ereignisse, die in der globalen Berichterstattung bisher nur wenig Beachtung fanden.
Es sind keine ’schönen‘, aber sehr beeindruckende Bilder, die noch lange im Gedächtnis des Betrachters bleiben. Die Aufnahmetechnik spielt eher eine untergeordnete Rolle, hier zählt die Dokumentation von Situationen und Umständen, in denen Emotionen sichtbar werden und sich Leben gravierend verändern.
Auch heute noch, nach 70 Jahren, verdeutlichen Wettbewerb und Ausstellung den Stellenwert der Pressefotografie, ohne die die vielen Probleme in unserer Welt die Öffentlichkeit und das Bewusstsein der Menschen nicht erreichen würden. Bilder sagen mehr als tausend Worte und sprechen immer die Sprache der Betrachter. Sie erzählen oftmals schon mit nur einem Bild große und kleine Geschichten und Umstände unter den wir Menschen leben. Die Ausstellungen der jährlich preisgekrönten Pressefotos werden in ca. 80 Städten in aller Welt gezeigt: Im Landesmuseum Kunst und Kultur, Schloss Oldenburg, ist die World Press Photo-Ausstellung mit den Bildern des Jahres 2025 zum elften Mal zu sehen. Begleitet wird die Ausstellung durch die Sonderschau ‚The Everyday Projects‘, in der sieben Mitglieder des gleichnamigen globalen Fotokollektivs zeigen, wie Communitys in aller Welt sich den Folgen des Klimawandels entgegenstellen.
Alle Bilder der Ausstellung haben volle Aufmerksamkeit verdient, nachfolgend möchte ich nur einige Bilder der Ausstellung beschreiben, die in der visuellen Darstellung die Situationen und Emotionen jedoch unvergleichlich stärker widergeben.
Das World Press Photo 2025 hat die palästinensische Fotografin Samar Abu Elouf mit einem Bild vom neunjährigen Mahmoud Ajjour eingereicht, der bei einem Angriff Israels auf Gaza-Stadt beide Arme verloren hat. Bildtext: „Als er kurz umkehrte, um seine Familie vorwärts zu drängen, riss ihm eine Explosion einen Arm ab und verstümmelte den anderen.“ Die Familie wurde nach Katar evakuiert, wo Mahmoud nach medizinischer Behandlung lernt, sich mit seinen Füßen zukünftig selbständig zu helfen. „Sein größter Wunsch ist es, Prothesen zu bekommen und ein Leben wie andere Kinder zu führen.“ Das Bild zeigt das Oberkörperportrait des Jungen, dessen rechter Arm ab der Schulter und sein linker Oberarm kurz unter der Schulter abgerissen wurde. Sein Gesichtsausdruck wirkt auf mich, als ob Mahmoud sein Schicksal angenommen hat und dennoch zuversichtlich seinem anderen Leben begegnet.
Sehr berührt hat mich auch ein Foto von Ali Jadallah aus seiner Serie ‚Der Gazastreifen unter Beschuss durch Israel‘. Ein verletzter, kleiner Junge wird nach einem israelischen Angriff auf das Flüchtlingslager Al Maghazi im Al-Agsa-Krankenhaus in Deir al-Balah behandelt. Auf dem Foto sind der Junge mit angsterfülltem Gesichtsausdruck und helfende Hände zu sehen, die beruhigen, trösten und verbinden. Ein sehr emotionales Bild, das die umfassende Grausamkeit des Krieges spiegelt, in dem auch Unbeteiligte nicht verschont werden.
Der Fotograf Musuk Nolte war mit seinem Foto ‚Dürre im Amazonasgebiet‘ Finalist für das World Press Photo des Jahres. Im Bild steht ein junger Mann vor einer weiten, wüstenartigen aber ebenen Sandfläche, der Lebensmittel zu seiner Mutter bringen will. Früher war das Dorf seiner Mutter mit dem Boot zu erreichen, jetzt muss er zwei Kilometer durch das ausgetrocknete Flussbett des Rio Solimões laufen, um zu ihr zu gelangen. Dem Bild nach ist es kaum zu glauben, dass hier ehemals ein mit Booten befahrbarer Fluss war.
Zwischen Regen- und Trockenzeit schwanken normalerweise die Wasserstände im Amazonas. Die letztjährige Trockenheit war jedoch besonders intensiv und verursachte dramatisch niedrige Wasserstände in allen Flüssen des Amazonasbeckens. Die anhaltende Dürre ist eine eng mit dem Klimawandel verbundende Auswirkung. Sinkende Wasserstände bedrohen die reiche Biodiversität der Region und lebenswichtige Flussökosysteme. Die Bewohner anliegender Dörfer und Gemeinden, die auf die Flüsse für Fischerei, Transport und andere Lebensgrundlagen angewiesen sind, stehen vor unüberwindbaren Schwierigkeiten und der Entscheidung, ihren Lebensraum zu verlassen und in städtische Gebiete umzusiedeln, was auch das soziale Gefüge der gesamten Region dauerhaft verändert.
Eines der bekanntesten Sportbilder des Jahres zeigt den Brasilianer Gabriel Medina bei den Olympischen Spielen von Paris 2024, der im Rahmen des Surf-Wettbewerbs triumphierend aus einer großen Welle auftaucht. Sein mit einer Leine an seinem Fuß befestigtes Surfbrett schwebt im Abstand zu ihm auf gleicher Höhe über dem Wasser, während er den rechten Arm hebt und seinen Zeigefinger gegen den Himmel streckt. Die Surf-Wettbewerbe fanden im 26.000 Kilometer entfernten Tahiti statt, das zum halbautonomen Französisch-Polynesien gehört und für seine herausfordernden Wellen bekannt ist.
Auch ein Pressebild vom Attentat auf Donald Trump ist in der Ausstellung enthalten, das den Präsidentschaftskandidaten am 13. Juli 2024 zeigt, wie er wenige Augenblicke, nachdem er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania/USA von der Kugel eines Attentäters am Ohr getroffen wurde, im Schutz des United Secret Service von der Bühne gebracht wird. Bemerkenswert an diesem, Sekunden später aufgenommenen Foto, ist für die Jury, dass es einen seltenen, unverfälschten Moment der Verletzlichkeit im Wahlkampf Donald Trumps zeigt, der auf Vitalität und Stärke ausgelegt war.
Die Ausstellung der ‚World Press Photo 2025‘ ist noch bis zum 15. März 2026 im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg (Oldenburger Schloss) zu sehen. Wahrheit braucht Zeugen. Ehrliche, offene und schonungslose Dokumentation über die unterschiedlichsten Probleme unseres Weltgeschehens: Kriege und wie Menschen sich dadurch verändern, Verletzung und Tod, Bandengewalt, Zerstörung und Verlust der Heimat, Vertreibung und Migration, Unterdrückung von Frauen in Afghanistan, Waldzerstörungen, Dürren und großflächige Überschwemmungen sowie vielfältige Auswirkungen des Klimawandels, wie rechtsextreme Strömungen die Demokratie untergraben, Wahlbetrug in Venezuela und viele weitere Themen, die durch Pressefotografie der Welt bekanntgegeben werden. Infrage zu stellen ist jedoch die oftmals mangelnde Reaktion der Weltöffentlichkeit, die für Veränderung sorgen sollte. Wie gut wäre es, wenn das für Kriege, Gewinnoptimierung und ausgeprägten Wohlstand einzelner Gruppen eingesetzte Kapital zur Verwendung von Ernährung und Versorgung, Bildung, Arbeit und Gleichstellung und Gerechtigkeit für alle Menschen unserer Erde bereitstände. Es wäre nicht teurer, die Menschen könnten sich und ihre Umwelt in Frieden entwickeln zum Nutzen und Wohle aller. Ein frommer Wunsch angesichts der aktuellen Kriegsentwicklungen mit dem Iran und dem am 24. Februar 2022 von Russland begonnenen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine. Es bleibt lediglich die Hoffnung, dass sich die Führungen der Länder auf das Wohl und Frieden ihrer Völker besinnen.
Für ein gemeinsames Essen hatten wir nach dem Ausstellungsbesuch für unsere 18köpfige Gruppe einen langen Tisch im Oldenburger Restaurant ‚Glut und Wasser‘ reserviert. Neben gutem Essen haben wir uns sehr gut unterhalten und konnten nach Ansicht vieler bedrückender Bilder in der Ausstellung irgendwann auch wieder lachen.
Eigene Fotografie am Nachmittag hatten wir von den aktuellen Wetterverhältnissen abhängig gemacht, wobei die Vorhersagen mit über 90% Regenwahrscheinlichkeit und Sturm wenig Hoffnung auf Fotografie an der Alten Mole in Wilhelmshaven gemacht hatten. Obwohl der Blick nach draußen immer vermuten ließ, dass es gleich regnen würde, blieb es trocken, aber der Sturm war da. So haben wir uns letztendlich entschieden, auch den Nachmittag in der Gemeinschaft der Fotofreunde mit regem Austausch alter und aktuellen Geschichten zu verbringen – und auch das hat viel Spaß gemacht, bevor wir uns zur Rückfahrt nach Bielefeld aufmachten.
Es wird etwas dauern, bis wir die Bilder der Ausstellung verarbeitet haben, aber im nächsten Jahr werden wir vom ExifCafé bei der World Press Photo 2026 Exhibition im Oldenburger Schloss wieder dabei sein.


